«Mir fällt auf, dass mehr Leute mit dem Velo unterwegs sind»

Nach meinen Ferien wurde angeordnet, man dürfe beim Begrüssen und Verabschieden die Hände nicht mehr geben – das war zunächst sehr gewöhnungsbedürftig. Doch die Klientinnen und Klienten haben die Massnahmen gut verstanden, als ich erklärte, warum wir aufs Händegeben verzichten.

Schwieriger wurde es, als die Maskentragepflicht eingeführt wurde. Eine Klientin hatte grosse Angst. Sie befürchtete, sie werde ausgeraubt. Die Frau ist an Demenz erkrankt. Darum blieb ich zunächst auf Distanz, habe mich zu erkennen gegeben und ihr erklärt, dass ich jetzt die Gesichtsmaske anziehen werde. Das hat sie beruhigt. Die Schutzmaske verdeckt viel vom Gesicht. Das ist nicht leicht für unsere Klientinnen und Klienten. Besonders schwierig ist es für Menschen, die nicht gut hören und darauf angewiesen sind, die Lippen und die Mimik zu lesen.

Anfangs März gab es noch Teamsitzungen und Fallbesprechungen. Hier konnten wir uns austauschen, Fragen klären und miteinander Lösungen diskutieren. Das hat mir sehr geholfen, mit der Situation klar zu kommen. Inzwischen sind Sitzungen nicht mehr möglich. Der Austausch hat sich auf die interne digitale Kommunikationsplattform verschoben. Ich bin dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt. Zunächst gab es viele praktische Frage, die wir lösen mussten, zum Beispiel wohin mit den Schutzmasken nach dem Einsatz? Wie halten wir den Spitex-Rucksack virenfrei? Wie machen wir Körperpflege, wenn zwei Meter Abstand verlangt wird?

Es gibt weniger Verkehr in Zürichs Strassen. Es ist, als wäre immer Sonntagmorgen. Vor allem die Trams sind leer. Das ist ein komisches Gefühl. Mir fällt auf, dass viel mehr Leute mit dem Velo unterwegs sind. Bis vor kurzer Zeit sassen viele Menschen noch am Seeufer. Das ist vorbei. Zum Glück. Wenn sich alle an die Vorgaben halten, kommt die Normalität schneller wieder.

Ich habe persönlich keine Angst vor dem Virus, denn ich gehöre zu keiner Risikogruppe. Ich bin ausgebildet, wie man Menschen mit übertragbaren Krankheiten pflegt und wir haben gute Schutzmassnahmen. Es gab nur einen Moment, da war ich etwas verunsichert: Die Frage stand im Raum, ob es wirklich genügend Händedesinfektionsmittel gibt. Das hat sich inzwischen geklärt und ich bin sehr zuversichtlich.

Nachdenklich macht mich die Isolation unserer Klientinnen und Klienten. Ich erwarte physische und psychische Folgen. Viele von ihnen können ihre Wohnung nicht einmal für einen Spaziergang verlassen, bewegen sich zu wenig und begegnen keiner Person ausser uns Spitex-Mitarbeitenden.

Beim öffentlichen Klatschen habe ich auch mitgemacht. Allerdings habe ich auch für die Kassiererinnen und Kassierer der Lebensmittelläden geklatscht. Diese Art der Anerkennung ist eine Wertschätzung für uns alle. Ich wünsche mir, dass nach dem Ende diese Krise mehr Menschen den beruflichen Weg in die Pflege finden.

Das Coronavirus hat dazu beigetragen, dass Nachbarn für einige meiner Klientinnen und Klienten einkaufen gehen und sich mehr um sie kümmern. Es wäre schön, wenn diese Art von Solidarität bleiben würde.

Jennie Winsjansen, 35, dipl. Pflegefachfrau, Spitex Zürich Sihl

 


Dieser Beitrag erschien im Spitex Magazin 2 | 2020.

«Ich wasche meine Hände täglich 60mal»

Das Virus habe ich erst nach meiner Rückkehr aus den Ferien wirklich wahrgenommen. Das war anfangs März. Es gab Anweisungen, wie wir uns schützen müssen. Der Umgang mit den Gesichtsmasken war am Anfang etwas stressig. Die Klientinnen und Klienten haben zunächst nicht verstanden, warum wir nun mit Masken arbeiten. Doch das hat sich inzwischen gelegt.

Klar, ich arbeite nun mit Schutzbekleidung, doch sonst ist vieles wie immer. Natürlich kommt das gründliche Händewaschen und Desinfizieren dazu. Oft habe ich zehn Klientinnen und Klienten am Tag. Bei allen reinige ich meine Hände bestimmt fünf bis sechs Mal. Auch im Spitex-Zentrum wasche ich die Hände regelmässig. An einem Arbeitstag wasche ich meine Hände also bestimmt sechzig Mal. Das ist ganz schön viel.

Ich bin froh, dass ich zur Arbeit gehen kann. Nur zu Hause bleiben, wäre langweilig. Beruflich mache ich mir keine grossen Sorgen wegen dem Virus: Ich bin gesund und schiebe schwere Gedanken beiseite. Ich muss in meinem Beruf auch psychisch fit sein. Meine Klientinnen und Klienten sind sehr froh, dass ich mich nach wie vor um sie kümmere. Sie machen mir häufiger als früher ein Kompliment, dass ich da bin. Das tut mir gut.

Bei der Körperpflege kann ich den Abstand von zwei Metern nicht einhalten. Das geht einfach nicht. Aber sonst halte ich mich strikt an die Regeln. Zum Glück hat es im Spitex-Zentrum ausreichend Platz. Ich denke, der Zusammenhalt im Team ist durch das Coronavirus noch besser geworden. Ich merke, dass wir alle diese Situation gemeinsam schaffen wollen. Wir halten zusammen.

Im Moment betreue ich keine Klientinnen und Klienten, die am Virus erkrankt sind. Wenn es so wäre, würde ich sie auf jeden Fall weiter pflegen. Davor habe ich keine Angst. Dafür bin ich ausgebildet, dafür bin ich da. Wir haben gute Schutzkleidung. Es gibt andere aggressive Viren, wie beispielsweise das Norovirus. Da muss man auch sehr gut aufpassen.

Ich wünsche mir, dass die Menschen wirklich auf den Bundesrat hören und zu Hause bleiben. Von mir aus könnten die Massnahmen nochmals verschärft werden: Vielleicht hilft das, damit diese Zeit schneller vorbei geht.

Schwieriger ist es für mich, die Situation in meinem Heimatland Eritrea auszuhalten. Ich habe dort Verwandte. Übers Telefon habe ich ihnen gesagt, was ich über das Virus weiss. Ich habe sie auch aufgefordert, Abstand zu halten, häufig die Hände zu waschen. Doch die kulturellen Unterschiede sind gross. Dort ist das Abstandhalten fast nicht möglich. Und in Eritrea ist die Gesundheitsversorgung nicht so gut wie in der Schweiz.

Ich bin jetzt seit zwölf Jahren in der Schweiz und habe hier auch die Ausbildung zum Fachangestellten Gesundheit gemacht. Ich habe sehr viel gelernt und meine Arbeit macht mir grossen Spass. Irgendwann kann ich wieder zu meinen Klientinnen und Klienten ohne Schutzkleidung und ohne Gesichtsmaske. Darauf freue ich mich jetzt schon. Denn die Pflege ohne dieses Material ist einfacher. Der Tag wird kommen, bestimmt.

John Ghirmay, 31, Fachangestellter Gesundheit, Spitex Zürich Sihl

 


Dieser Beitrag erschien im Spitex Magazin 2 | 2020.